Konflikte um gesellschaftliche Teilhabe

 


Projekt: Konflikte um gesellschaftliche Teilhabe (Teilhabekonflikte)

Beginn: 01.09.2018

Dauer: 2 Jahre

Verantwortlich: Dr. Elias Steinhilper


 

Inhalt und Fragestellung

Alle Gesellschaften, auch die postmigrantische deutsche, sind von Konflikten um gesellschaftliche Teilhabe geprägt. In der Auseinandersetzung mit Themen wie Arbeit, soziale Ungleichheit, Migration, Geschlechterrollen, Umwelt und Stadtentwicklung entstehen ständig mehrdimensionale Konfliktkonstellationen. Die Basis solcher komplexer Konflikte bilden häufig multiple soziale Ungleichheiten und damit verbundene Entfremdungserfahrungen. Soziale Bewegungen und Protest sind dabei einerseits Ausdruck und Frühwarnsystem solcher mehrdimensionaler Konfliktkonstellationen. Protestereignisse prägen andererseits aber auch, z.B. durch ihr Framing, öffentliche Diskurse um Zugehörigkeit, Identität und gesellschaftliche Missstände und beeinflussen damit die Wahrnehmung von Ungleichheit, Diskriminierung und Teilhabe. Es sind daher Forschungsarbeiten notwendig, die entsprechende Konfliktlagen empirisch erfassen, Dynamiken darstellen und eine Erkenntnisgrundlage bieten, um demokratische und menschenrechtsorientierte Aushandlungsprozesse zu fördern. Besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf Protestereignissen, die nicht zuletzt von jungen Menschen getragen werden. In solchen Praktiken spiegeln sich Lebenswelten und Muster des Engagements, die für das Verständnis von Demokratie und politischer Integration im postmigrantischen Deutschland wesentlich sind.

Methodik

Ziel des Projektes ist es, auf Basis von zunächst zwei Fallstudien einen Vorschlag für eine Langzeitstudie zu Teilhabekonflikten zu entwickeln. Zunächst verstehen wir Teilhabekonflikte als Auseinandersetzungen um Teilhabe von Migrant*innen und anderen marginalisierten Gruppen. Diese Auseinandersetzungen können die Form von Straßenprotesten annehmen, sich aber auch in anderen kollektiven Handlungsformen wie Kampagnen, konkreten Unterstützungsangeboten oder diskursiven Auseinandersetzungen ausdrücken. Zu Beginn des Projektes erfolgt eine Auswahl von zwei exemplarischen Kontexten, in denen anschließend die Teilhabekonflikte untersucht werden. Zunächst wird ein geeignetes Analyseinstrumentarium entwickelt, welches folgende Komponenten umfasst: Das Vorhaben kartiert zunächst zentrale gesellschaftliche Gruppen und ihre Vernetzung auf Basis einer sozialen Event- und Online-Netzwerkanalyse. Dabei sollen die teils stark divergierenden, teils aber auch überlappenden normativen und politischen Vorstellungen und Zielsetzungen innerhalb und zwischen den Netzwerken herausgearbeitet werden.

Der Ansatz wird trianguliert mit qualitativen Interviews mit Initiativen und Organisatoren sowie mit einer Medienresonanzanalyse, die die diskursiven Auseinandersetzungen erfasst. Bei relevanten Protestgroßereignissen wird außerdem ein Protestsurvey durchgeführt, bei dem u.a. ein Matching mit dem Postmigrantisch Survey (Projekt 2.01.) und anderen Bevölkerungsumfragen durchgeführt wird, um festzustellen, inwiefern sich Demonstrierende vom Bevölkerungsdurchschnitt unterscheiden. Da sowohl neu Eingewanderte als auch Deutsche in ihren Herkunftskontexten sozialisiert sind, kann davon ausgegangen werden, dass soziale, politische, religiöse und ethnische Herkunft die Perspektive auf den Konflikt prägen. Um dies zu überprüfen, wurde zu Beginn des Projektes die Demonstration ‚We’ll come united’ am 29. September 2018 in Hamburg untersucht, die von einem Netzwerk mehrerer hundert migrantischer und Solidaritäts-Initiativen getragen wurde (Kooperationspartner: Institut für Protest- und Bewegungsforschung). Die Ergebnisse sollen in einer Pressekonferenz präsentiert werden. Teilhabekonflikte sollen sowohl Mobilisierung für Teilhabe und Integration als auch die Gegenreaktionen darauf erfassen. Angedacht als konkrete Kontexte sind die Teilhabekonflikte rund um die sogenannten AnkER-Zentren in Bayern sowie Mobilisierungen für gesellschaftliche Teilhabe von marginalisierten Gruppen mit Migrationshintergrund in Berlin (z.B. von Personen und Gruppen aus Afghanistan) sowie wiederum den potentiellen Gegenreaktionen darauf.

Insgesamt liefert das Projekt aufgrund seiner Struktur kurz- und mittelfristige Outputs in verschiedenen Formaten: Einzelne Fallstudien können in relativ zeitnahen DeZIM-Forschungsberichten, Pressekonferenzen, Fachtagungen mit Akteuren aus der Zivilgesellschaft und öffentlichen Diskussionsveranstaltungen münden. Das Multi-Method-Vergleichsdesign bietet zudem einen produktiven Rahmen für (internationale) Workshops und Kolloquien, hochrangige wissenschaftliche Publikationen sowie die Einbindung von Fellows.

Arbeitsschritte (2 Jahre)

4. Quartal 2018

Entwicklung, Fallauswahl und Methodendesign (Methodentriangulation: Event-Online-Netzwerkanalyse lokaler Allianzstrukturen, Interviews, Medienanalyse, Protestsurveys; Pilotstudie)

1. und 2. Quartal 2019

Analyse des ersten Teilhabekonflikts, Pressekonferenzen zu relevanten Großereignissen, Zwischenbericht

3. und 4.Quartal 2019

Analyse weiterer Teilhabekonflikte, Auswertung der Daten im Vergleich, Fachtagung mit Akteuren aus der Zivilgesellschaft

1. Quartal 2020

Abschlussbericht, Veröffentlichung, Öffentlichkeitsarbeit

2. Quartal 2020

Abschlussworkshop, Einbettung der Daten in den internationalen Vergleich, Artikel in begutachteten Zeitschriften, Konzeption der Langzeitstudie zu Teilhabekonflikten