Muslimische Jugendvereinsarbeit und ihre zivilgesellschaftlichen Netzwerke


Projekt: Engagement und Zugehörigkeit – Muslimische Jugendvereinsarbeit und ihre zivilgesellschaftlichen Netzwerke

Beginn:  01.01.2021

Dauer: 2 Jahre

Projektkoordination:  Ana-Maria Vanessa Nikolas

Pilotstudie: Engagement und Zugehörigkeit: Vereinsarbeit und politische Bildung muslimischer Jugendlicher


 

Inhalt und Fragestellung

Im geplanten Forschungsprojekt sollen Vereine, die sich selbst als plural im Sinne von muslimisch und/oder migrationsbezogen verstehen, regional vergleichend untersucht werden. Theoretisch werden dabei Ansätze der Jugendforschung, der Zivilgesellschafts- und Verbandsforschung sowie der Organisationssoziologie mit einer (post)migrantischen Perspektive verbunden. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der strukturellen, institutionellen und diskursiven Inklusion und Exklusion, ihren Teilhabehürden und –zugängen in der Jugendpolitik (zu jugendpolitischen Gremien). Aufgrund erster Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt werden hierfür nicht nur die Vereine selbst, sondern auch ihre Einbettung in organisationale Netzwerke betrachtet. Daraus lassen sich neue Erkenntnisse über Strukturen der Einbindung und der Exklusion, mögliche Einflusswege, sowie ihre Bündnis- und Allianzpartner gewinnen. Durch einen Methodenmix aus quantitativen, qualitativen und partizipativen Ansätzen soll Wissen nicht nur generiert, sondern auch von den Akteuren selbst mitgestaltet sowie Institutionen im Kleinen transformiert werden. Anders als bei zahlreichen Forschungen zu Jugendlichen mit muslimischen und/oder migrationsbiographischen Identitätsbezügen stehen nicht die Individuen im Zentrum, sondern ihr kollektives politisches Handeln sowie die Entwicklung ihrer Organisationsstrukturen und
-identitäten. Erstmalig sollen diese Erkenntnisse in die Theorieentwicklung zu hybriden Organisationsidentitäten, Teilhabe und gesellschaftliche Dominanzstrukturen einer postmigrantischen Gesellschaftstransformation einfließen.


Methodik

Um Aussagen über Organisationsidentitäten und Teilhabehürden treffen und so zur Theorieentwicklung beitragen zu können, müssen bisherige Erkenntnisse stärker vergleichend sowie durch Einbezug der Akteure überprüft und modifiziert – und in einem letzten Schritt abstrahiert werden.

Aus diesem Grund bedarf es folgenden Methodentriangulation:
Erstens soll die bereits begonnene quantitative Organisationsdatenbank um weitere Bundesländer in Ost- und Norddeutschland erweitert werden. Das ist insofern eine sinnvolle Ergänzung, da mit Berlin und Hamburg bisher nur Stadtstaaten und Großstädte, also keine Flächenländer betrachtet wurden. Zudem blieb sowohl Nord- als auch Ostdeutschland bisher in der Forschung unbeachtet. Erst mit dieser regionalen Ausweitung lassen sich erste Schlüsse bezüglich Stadtstaaten und Flächenländer, sowie Ost- und Westdeutschland ziehen. Mit Letzterem ist das Projekt anschlussfähig an bereits bestehende Projekte in der Abteilung und den Debatten zu Besonderheiten von Ostdeutschland. Der Zugang zu Ostdeutschland ist hier über den Kontakt zur DKJS möglich.Erste Vorüberlegungen deuten auf Sachsen und Schleswig-Holstein als spannende Regionen hin um je eine Stadt auszuwählen mit dem Ziel, durch soziogeographisches Sampling möglichst nahe an eine Gesamterhebung zu kommen (vgl. jumenga-Projekt von der dkjs). Nur durch diese regionalen Vergleiche lassen sich die ersten Ergebnisse in Relation zum Kontext setzen. Parallel soll durch Kooperation die Datenbank nicht nur regional, sondern auch inhaltlich ausgeweitet werden. Weitere Faktoren wie informelle Reichweite oder die Spezifizierung der Art der Beziehung zwischen den Akteuren sollen miteinbezogen werden – da über diese Komponenten, die Bedeutung von Akteuren sowie ihrer Allianzen erschlossen werden kann. Hierfür sollen neue Erhebungsformen wie soziale Medien als auch bestehende Projektdatendanken (z.B. Datenbank „interkulturelle Öffnung“ von ida e.V.) genutzt werden. Denn die erste Erhebung hat verdeutlicht, dass nicht nur Dachverbände, sondern auch Netzwerke entscheidend sind für Zugänge über Umwege.

Zweitens sollen weiterhin, die Akteure selbst über qualitative Methoden miteinbezogen werden (vgl. auch Holzkamp 1968, Markard 1991). Wie bereits in der ersten Projektphase sollen auch für die neuen Regionen, zentrale Akteure identifiziert und in Leitfaden-gestützten Interviews befragt werden – deren Aussagen wiederum in die Datenbankentwicklung einfließen. Hierzu dient weiter das bereits in enger Abstimmung mit Akteuren der Jugendverbandsarbeit entwickelte Planspiel als begleitendes Innovationsprojekt, das nach einem ersten Testdurchlauf nun auch in Hamburg durchgeführt werden soll, um die daraus gewonnenen Daten mit den Ergebnissen aus Berlin zu vergleichen. Diese ergänzende partizipative und transformative Methode ermöglicht den direkten Wissenstransfer aber auch die Möglichkeit gruppendynamische Ausschlussmechanismen offenzulegen.  

Drittens soll eine Pilotbefragung zunächst unter JV mit migrationsbezogener Pluralität sowie diejenigen, die sich als muslimisch verstehen, in Berlin und Hamburg durchgeführt werden. Ziel ist es zum einen die Daten, die auf Basis der Webseitenanalyse generiert wurden, zu ergänzen und zu erweitern; zum anderen sollen auch spezifische Einblicke in (a) Beziehungsmuster zwischen den Akteuren gewonnen werden sowie (b) in ihrer Wahrnehmung von Teilhabehürden und Unterrepräsentationen und in ihre alternative Zukunftsvorstellungen für mehr Inklusion und Teilhabe.


Erste Vorannahmen zu strukturellen, institutionellen und diskursiven Teilhabehürden wie Ausschluss durch Fremdzuschreibungen aber auch formaler Organisationskriterien und regionale Repräsentation der Vereine sollen somit überprüft, ggf. verworfen bzw. modifiziert werden. Potentielle neue Typologisierungen und somit Kodierungen wie postmigrantischer Jugendvereine oder Vereine mit Mehrfachidentitäten o.ä. sollen eruiert und akteurszentriert weiterentwickelt werden. Ziel dieser Verzahnung quantitativer, qualitativer und partizipativer Methoden ist einerseits Wissen über einen bisher unterbelichteten Forschungsbereich zu generieren, anderseits zur Transformation der Jugendverbandsarbeit in Deutschland beizutragen und politikberatend tätig zu sein.

mehrweniger

Aktueller Stand


Weitere Arbeitsschritte