Die Erfassung von Mehrfachdiskriminierung und ihrer Dynamiken

 


Projekt: Die Erfassung von Mehrfachdiskriminierung und ihrer Dynamiken

Laufzeit: 01.09.2018 – 31.12.2020

Projektteam: Dr. Ralf Wölfer (Projektkoordination), Steffen Beigang

Ehemalige Projektmitarbeiter*innen: Dr. Fatih Uenal


 

Inhalt 

In diesem Projekt soll eine empirische Datengrundlage zur Erfassung von ethnischen Mehrfachdiskriminierungen und strukturellen Disparitäten geschaffen werden, die im Kontext der Einwanderungsgesellschaft Deutschlands eine Rolle spielen. Die in amtlichen Statistiken und empirischen Studien verwendete Kategorie des Migrationshintergrunds ist nicht ausreichend, um die vielschichtigen und ganz unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen zu erfassen, denen Menschen in der Einwanderungsgesellschaft ausgesetzt sind. Dies ist in erster Linie der Schwierigkeit der Messung von Ethnizität und Mehrfachdiskriminierung geschuldet.

Aktuelle Forschung zum Thema zeigt, dass immer mehr Menschen Ethnizität nicht als einzige, eindimensionale und konsistente Identität empfinden, sondern als eine Reihe zum Teil widersprüchlicher Dimensionen. Diese Mehrdimensionalität von ethnischer Identifikation beinhaltet zum Beispiel, wie eine Person ihre Ethnizität selbst identifiziert, wie sie von anderen wahrgenommen wird, wie sie glaubt, von anderen wahrgenommen zu werden, ihre Hautfarbe und andere Aspekte ihres Phänotyps (visuell und interaktionsbasiert) und ihrer ethnischen Abstammung (Geburtsort, Geburtsorte der Eltern etc.). Diese Dimensionen beeinflussen sich gegenseitig. Hinzu kommt, dass neben der ethnischen Gruppenzugehörigkeit auch weitere Gruppendifferenzen, wie z. B. sozioökonomische Klasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter, körperliche Beeinträchtigung usw. ebenfalls eine Rolle im Kontext von Diskriminierungserfahrungen spielen und somit intersektionale Perspektiven auf den Themenkomplex Diskriminierung von Bedeutung sind. Schließlich ist davon auszugehen, dass sich die Relevanz der einzelnen Dimensionen von ethnischer Zugehörigkeit (Selbst- und/oder Fremdzuschreibungen) je nach potenziellen Diskriminierungskontexten (z. B. im Gesundheitssystem) unterschiedlich auswirken. Die Entwicklung von Erhebungsinstrumenten, welche Ethnizität im Kontext von Diskriminierungserfahrungen erfassen sollen, muss also dieser Komplexität von Gruppenidentitäten und -zugehörigkeiten gerecht werden. Sie muss insbesondere auch Ethnizität zusammen mit Geschlecht, Klasse und weiteren identitätsstiftenden Gruppenzugehörigkeiten betrachten, da jede einzelne dieser Zugehörigkeiten mit einer jeweils eigenen potenziellen Diskriminierungsvulnerabilität verknüpft ist und ferner mit Mehrfachviktimisierungen verbunden sein kann.

Im Fokus steht also die Frage, wie Personen, die gleichzeitig in mehrfach-stigmatisierte soziale Kategorien fallen, Diskriminierungserlebnisse einordnen und verarbeiten.

  • Wie gehen Betroffene von Mehrfachdiskriminierung mit ihren Diskriminierungserfahrungen um?
  • Welche Auswirkungen haben diese Erfahrungen auf die psychische und körperliche Gesundheit?
  • Welche Formen der persönlichen Bewältigungsstrategien und -kompetenzen lassen sich identifizieren?

 


 

Methodik

 

Das Vorhaben wird in zwei miteinander verknüpften Studien durchgeführt. Als Erstes erfolgt eine Online-Studie (Machbarkeitsstudie) zur quantitativen Erfassung von ethnischer Mehrfachdiskriminierung. Ziel ist die Entwicklung eines neuen Kategoriensystems zur Erhebung von ethnischer Zugehörigkeit, das der Komplexität des Phänomens ethnischer Diskriminierung wissenschaftlich gerecht wird. Neben der wissenschaftlichen Reliabilität und Validität des zu entwickelnden Kategoriensystems und seiner Operationalisierung werden höchste forschungsethische und datenschutzrechtliche Anforderungen berücksichtigt und umgesetzt. Im zweiten Schritt wird eine Laborstudie zum Wirkungszusammenhang von ethnischer Diskriminierung und strukturellen Disparitäten in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten (am Beispiel Gesundheit) durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studien sollen dann die Grundlage für ein umfangreiches Indikatorensystem zu ethnischer Diskriminierung und strukturellen Disparitäten (Gleichstellung, Arbeits- und Wohnungsmarkt, Bildung, Gesundheit etc.) bilden, das in zukünftige Befragungen einfließen soll bzw. ggf. in ein eigenes Diskriminierungsmonitoring münden kann.

mehrweniger

Aktueller Projektstand

 

Am DeZIM-Institut arbeiten wir zusammen mit migrantischen Selbstorganisationen, der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, der Humboldt Universität zu Berlin und internationalen Forscher*innen an der Entwicklung eines innovativen Kategoriensystems zur Erhebung von ethnischer Zugehörigkeit (X*Y*Z Dimensionen), welches der Komplexität des Phänomens ethnischer Diskriminierung wissenschaftlich gerecht zu werden versucht.

In diesem Kontext haben wir durch Expertengespräche, Dialogwerkstätten, und internationalen und interdisziplinären Kooperationen einen umfangreichen Fahrplan entwickelt um das Phänomen der Mehrfachdiskriminierung in Deutschland wissenschaftlich robust zu untersuchen.

Als Teilprojekt dieses größer angelegten Forschungsvorhabens haben wir beispielsweise zusammen mit dem Center for Intersectional Justice (CIJ) einen Bericht zum Thema Intersektionalität erstellt, in welchem der Themenkomplex Intersektionale Diskriminierung einem breiteren Publikum vorgestellt wird. Kapitel 4 des Berichtes geht auf das Themenfeld der statistischen Erfassung von ethnischer Diskriminierung als Grundlage für soziale, politische und wissenschaftliche Behandlungen des Zusammenhangs zwischen Ethnizität und Mehrfachdiskriminierung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten ein (Bericht CIJ) Das Kapitel beleuchtet zahlreiche Eckpunkte, welche für die Erstellung eines Kategoriensystems nach wissenschaftlichen Kriterien erforderlich sind.

Neben der wissenschaftlichen Reliabilität und Validität des zu entwickelnden Kategoriensystems und seiner Operationalisierung werden höchste forschungsethische und datenschutzrechtliche Anforderungen berücksichtigt und umgesetzt. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf speziellen datenschutzrechtlichen und forschungsethischen Fragestellungen, welche bei der Konzipierung, Erhebung, Speicherung und Auswertung von sensiblen Daten zu vulnerablen Populationen berücksichtigt werden müssen.[1] Hierzu gehören unter anderem (I) die Freiwilligkeit der Teilnahme; (II) die Möglichkeit, jederzeit die Teilnahme an Befragungen abzubrechen; (III) eine Ausführliche Aufklärung über den Sinn und Zweck der Befragungen; (IV) eine Aufklärung über die Art, Dauer und Orte der Speicherung der erhobenen Daten; (V) eine Gewährleistung der Anonymität der Befragten, welche keine Rückschlüsse von Angaben aus den Befragungen auf identifizierbare Personendaten zulässt. (getrennte Speicherung von personenbezogenen Daten und Angaben aus den Befragungen durch standardisierte Anonymisierungsverfahren); (VI) informierte Einversändniserklärung der Teilnehmenden; (VII) Einhaltung des Prinzips der Nichtschädigung von allen an der Datenerhebung, -auswertung und -anwendungen Beteiligten; (VIII) Informationen zur Dauer und Anforderungen der Datenerhebung; (IX) Verschlüsselung von erhobenen Datensätzen; (X) Kontaktdaten der hauptverantwortlichen Forscher*innen sowie Kontaktdaten von Drittpersonen für eventuelle Rückfragen und Beschwerden. Des Weiteren richten wir uns strikt nach aktuellen datenschutzrechtlichen Kriterien (DSGVO)[2], und berücksichtigen – soweit im Sinne der spezifischen Forschungsfrage – auch ferner nach Empfehlungen aus den entsprechen- den migrantischen Selbstorganisationen[3] Hierzu gehören die folgenden Richtlinien für die Erhebung von Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsdaten, welche durch die bisher aufgeführten Richtlinien nicht bzw. nur teilweise gedeckt sind: (I) Möglichkeit zu(r) ethnischen Selbstidentifikation(en) der Befragten (offene Angaben); (II) Möglichkeit zur Angabe von mehreren ethnisch – national – kulturell – ideologisch – religiös – X – Gruppenidentifikationen, hybriden, bi-/tri-/X*Y-/trans-/intersektionale Identitäten; und (III) selbstbestimmte Angabe von Diskriminierungserfahrungsmodalitäten (additiv, subtraktiv, interaktiv positiv, interaktiv negativ, multiplikativ, akkumulativ, chronisch, akut), Diskriminierungserfahrungsdimensionalitäten (individuell <-> gruppenbezogen/erfahren <-> beobachtet) und Diskriminierungsstrukturalitäten (institutionell/strukturell/historisch).

Das in Entwicklung befindliche Instrument wird somit in Deutschland das erste, nach höchsten wissenschaftlichen Gütekriterien konzipierte, nach forschungsethischen und datenschutzrechtlichen Bestimmungen durchleuchtete und getestete Erhebungsinstrument für die Erfassung von ethnischer Zugehörigkeit sein. Geplant ist zudem eine zukünftige Verwendung des Instruments zur Beleuchtung von Fragen nach Gleichstellung und Diskriminierung in öffentlichen Verwaltungen und Einrichtungen, im Bildungs- und Gesundheitssystem, auf dem Arbeitsmarkt und in allen weiteren gesellschaftlich relevanten Kontexten in denen strukturelle, institutionelle und alltägliche Diskriminierungen stattfinden.

Neben der Entwicklung und der Erprobung des Kategoriensystems arbeiten wir an der Erfassung von sogenannten subtilen Diskriminierungsformen. In Zusammenarbeit mit Lennart Görlich (HU Berlin, Psychologie), Dr. Ulrich Klocke  und Ali Can  arbeiten wir an der qualitativen Untersuchung von subtilen Diskriminierungserfahrungen.

Ferner ist eine Kooperation wir mit der Abteilung für medizinische Psychologie an der Humboldt Universität Berlin zur experimentellen Untersuchung von Zusammenhang zwischen ethnischer Diskriminierung und Disparitäten im Gesundheitsbereich geplant.


[1] Siehe: https://provost.harvard.edu/use-human-subjects-research
[2] Für aktuelle Datenschutzrichtlininen in der Wissenschaft siehe: https://www.ratswd.de/dl/RatSWD_Output5_ HandreichungDatenschutz.pdf
[3] Siehe:https://neuedeutsche.org/fileadmin/user_upload/Publikationen/Dossier_Gleichstellungsdaten/NDO_ DOSSIER_RZ.pdf

 

mehrweniger

Weitere Arbeitschritte

 

Für das erste Quartal 2020 ist die Auswertung der Ergebnisse der Online-Studie und Verschriftlichung eines Zwischenberichts geplant. Im zweiten und dritten Quartal folgt die Durchführung einer Labor-Studie zu gesundheitlichen Folgen von ethnischen Diskriminierungserfahrungen zusammen mit der HU Berlin und der Charité. Die Auswertung und Verschriftlichung der Laborstudie sowie die Entwicklung einer Folgestudie „Ethnische Diskriminierung und Gesundheitsdisparitäten“ sind für das vierte Quartal 2020 anvisiert.

 

mehrweniger

Projekt Veranstaltungen – Tagungen – Workshops

 

18. September 2019, 18:30 Uhr

Justice for all – or no justice at all: Intersektionalität und Antidiskriminierung in Deutschland

Berichtspräsentation und Diskussion

Wann: 18. September 2019, 18:30 Uhr
Wo: Podewil, Klosterstraße 68, 10179 Berlin

Dr. Emilia Roig, Center for Intersectional Justice (CIJ)
Saboura Naqshband, Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM-Institut)
Nathalie Schlenzka, Antidiskriminierungsstelle des Bundes

mehrweniger

Projekt – Veröffentlichungen