Migrationsaspirationen von syrischen Flüchtlingen in der Türkei vor dem Hintergrund ihrer familiären Situation

 


Projekt: Migrationsaspirationen von syrischen Flüchtlingen in der Türkei vor dem Hintergrund ihrer familiären Situation

Laufzeit: 01.09.2018 – 31.12.2020

Projektteam: Dr. Franck Düvell (Projektkoordination), Dr. David Schiefer

Kooperationspartner*innen: Prof. Dr. Zafer Sagiroglu, Ankara Beyazit University; Prof Dr. Martin Lemberg-Petersen, Aalborg Universty

 


 

Inhalt und Fragestellung

Die Türkei ist das Hauptaufnahmeland von syrischen Geflüchteten. Offiziell sind dort 3,6 Millionen syrische Geflüchtete registriert. Aber obwohl bis zu 200 000 weitere Personen nicht registriert sind, dürfte die tatsächliche Zahl der Geflüchteten dennoch weit niedriger sein. 2015/16 sind rund eine Million Geflüchtete weiter in die EU gezogen, bis die Grenzen wieder geschlossen wurden. Seitdem sind die Zahlen der Neuankömmlinge in Griechenland zunächst auf monatlich 1000 gesunken, aber seit dem Sommer 2019 wieder stark angestiegen. Dieses Projekt will herausfinden, wie es um die Migrationsaspirationen von syrischen Geflüchteten in der Türkei bestellt ist, ob sie bleiben, zurückkehren oder in die EU weiterziehen wollen und wie hoch demnach das Migrationspotenzial ist. Es untersucht insbesondere den Familienkontext, die besondere Situation getrennter Familien und Überlegungen zum Familienwohl als Migrationsgrund. Außerdem werden Migrationsentscheidungsprozesse im Familienverband sowie die Perzeption von Flüchtlings- und sozialen Rechten in der Türkei, der EU und insbesondere in Deutschland untersucht.


Methodik

 

Zu diesem Zweck wurde eine quantitative Studie unter syrischen Geflüchteten in der Türkei durchgeführt. Hierfür wurde ein der besonderen Situation der Zielgruppe angepasstes, mehrstufiges Stichprobenziehungsverfahren entwickelt, bei dem verschiedene Ziehungsmethoden miteinander kombiniert wurden. Berücksichtigt werden musste hier u. a., dass es keinen Sampling-Frame gibt und dass die Zielgruppe sehr mobil und teils nicht formell registriert ist oder sich sogar irregulär im Land aufhält und oft in provisorischen Unterkünften lebt. Zunächst wurde festgelegt, die Untersuchung auf den urbanen Raum zu beschränken, da hier die überwiegende Mehrheit der Syrer*innen lebt. Die Stichprobenziehung erfolgte in drei Schritten. In einem ersten Schritt wurde eine Gesamtliste aller Städte erstellt, in denen syrische Geflüchtete registriert sind. Auf Basis einer Reihe von theoriebasierten Annahmen wurden die Städte in drei Cluster unterschieden und aus diesen insgesamt sechs Städte bzw. urbane Regionen für die Untersuchung ausgewählt. In einem zweiten Ziehungsschritt wurden innerhalb der Städte Stadtteile ausgewählt. Auswahlkriterien waren hier der Anteil an syrischen Geflüchteten, die regionale Herkunft der Geflüchteten (z. B. sollten auch Syrer*innen kurdischer Herkunft befragt werden) sowie der sozioökonomische Status der Stadtteile. Der dritte Ziehungsschritt erfolgte im Rahmen eines Random-Route-Verfahrens. Die anvisierte Stichprobengröße umfasste 1500 Personen. Die Befragungen wurden in jeder Stadt von gemischten Teams von männlichen und weiblichen türkischen und syrischen Interviewer*innen durchgeführt. Die Befragung fand mittels Papierfragebögen statt.

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Aktueller Stand

 

Im ersten Monat wurde gemeinsam mit dem türkischen Kooperationspartner das Erhebungsinstrument erstellt sowie die Stichprobenziehung geplant. Der türkische Partner rekrutierte und schulte in diesem Zeitraum die Interviewer*innen und führte in zwei ausgewählten Städten Pilotinterviews durch (Pretest). Diese dienten zum einen der Feststellung von eventuellen Problemen beim Feldzugang sowie der Teilnahmebereitschaft der Zielgruppe (response rate) und zum anderen der Überprüfung und Anpassung des Erhebungsinstruments. In den Monaten 2–5 erfolgte die quantitative Befragung in insgesamt 23 Stadtteilen in den sechs Städten Istanbul, Ankara, Konya, Sanliurfa, Gaziantep und Hatay. Unser türkischer Partner stand in täglichem Telefonkontakt mit den Interviewer*innen, zudem wurden anhand protokollierter Adressen Kontrollgänge durchgeführt, um die Verlässlichkeit der Interviewer*innen bezüglich der Durchführung der Random Walks zu prüfen. Die Sicherheitslage in einigen Stadtteilen schränkte jedoch teilweise den Feldzugang ein; dies sowie partielle Abweichungen von der vorgegebenen Durchführungspraxis machten in mehreren Städten Nacherhebungen der Stadtteile sowie in einer Stadt Nacherhebungen der Interviewten erforderlich, sodass schlussendlich 1800 Interviews durchgeführt wurden. Vom sechsten bis zum zehnten Monat wurden die auf arabischsprachigen Papierfragebögen erfassten Daten durch arabischsprachige Mitarbeiter*innen mittels einer Dateneingabemaske digitalisiert und bereinigt und schließlich die Aufbereitung des Datensatzes für die Analyse begonnen.

Im Rahmen des Projekts fand ein intensiver Austausch mit Akteur*innen in Deutschland und der Türkei (GIZ, Turkish Ministry for Education, Turkish-German Migration Forum, Konrad-Adenauer-Stiftung, Stiftung Wissenschaft und Politik) statt. So wurde ein von der GIZ geförderter internationaler Expert*innenworkshop zum Stand der Forschung zu syrischen Geflüchteten in der Türkei durchgeführt, an dem Expert*innen aus Großbritannien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Türkei und Deutschland teilnahmen. Für eine Delegation des Türkischen Bildungsministeriums haben wir eine Fortbildung zu Datenerhebung und Analyse durchgeführt. Auf einer Tagung des Türkisch-Deutschen Migrationsforums in Berlin hielt Dr. Franck Düvell die Keynote; er hat zudem auf dem Hafis-Menschenrechtsdialog der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie bei einem Workshop des BAMF vorgetragen. Zudem wurde eine Briefing Note zur Schätzung der Zahl der syrischen Geflüchteten in der Türkei verfasst, die auch von den Medien aufgegriffen wurde.

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Weitere Arbeitsschritte

 

Im weiteren Verlauf werden ein Feldbericht und ein Codebuch verfasst. Die Analyse umfasst zunächst deskriptive Auswertungen zentraler inhaltlicher Konstrukte, insbesondere der Migrationsaspirationen syrischer Geflüchteter in der Türkei. Mittels multivariater statistischer Verfahren werden die zentralen Konstrukte dann hinsichtlich ihres Zusammenhangs mit anderen Phänomenen untersucht. Dazu zählen insbesondere die vorhandenen sozialen und familiären Netzwerke in Herkunfts- und Drittländern, aber auch die individuellen Perzeptionen der Bedingungen in der Türkei, in Syrien und in Europa.

Im Anschluss an die Analysen sind ein DeZIM-Forschungsbericht, eine DeZIM-Research Note sowie akademische Veröffentlichungen geplant. Die Ergebnisse werden zudem im Rahmen von Veranstaltungen in Kopenhagen, Brüssel und Ankara vorgestellt. Schließlich ist für Dezember 2019 eine internationale Konferenz in Ankara geplant, gefördert von der GIZ und in Kooperation mit der türkischen Migrationsbehörde, dem Verband der Gemeinden in der Türkei und der Zivilgesellschaft

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