Schätzmethoden und Surveyansätze zur Erforschung Irregulärer Migration

 


Projekt: Schätzmethoden und Surveyansätze zur Erforschung Irregulärer Migration

Laufzeit: 01.02.2019 – 31.01.2021

Projektteam: Dr. Franck Düvell (Projektkoordination), Roland Hosner


 

Inhalt und Fragestellung

Die quantitative Erforschung irregulärer Migration – des Ausmaßes sowie der Lebenssituation von Migrant*innen mit fehlenden Aufenthaltstiteln – ist eine besondere Herausforderung für die Sozialwissenschaften. Dies liegt zum einen an methodischen Problemen bei der wissenschaftlichen Erfassung und Erforschung verdeckter Bevölkerungsgruppen sowie – damit zusammenhängend – der mangelnden Verfügbarkeit an entsprechenden Daten. Trotz der enormen Relevanz der mit der irregulären Migration verbundenen Phänomene werden sie in der sozialwissenschaftlichen Forschung bisher vernachlässigt. Einige vorhandene amtliche Datensätze erlauben zwar Rückschlüsse auf das Ausmaß sowie einzelne Formen des irregulären Aufenthalts in aggregierter Form, entsprechende Makro- und Mikrodaten fehlen jedoch weitgehend. Einerseits gibt es wenige Bemühungen, den Umfang der Gruppe der irregulären Migrant*innen zu schätzen oder anderweitig festzustellen, und die Ergebnisse sind entweder veraltet (Vogel/Kovacheva/Prescott, International Migration, 2011) oder aber weisen eine so große Spannbreite auf (z. B. Vogel, Update report Germany, 2015), dass sie von nur eingeschränktem Nutzen sind. Andererseits gibt es einige qualitative Studien kleineren Umfangs, denen es in begrenztem Ausmaß gelungen ist, irreguläre Migrant*innen zu befragen. Insgesamt ist der Bedarf an validen und breiteren Datensätzen groß, geeignete Lösungen und Strategien befinden sich aber noch in der Anfangsphase. Eine etwas ältere Veröffentlichung von Jandl (International Migration, 2011) evaluiert die verschiedenen Schätzmethoden. Ein jüngeres vom Population Europe Network bzw. dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung veröffentlichtes Discussion Paper (7/2018) hat zumindest für die Situation in Deutschland einen ersten Überblick über die Datenlage (IAB-BAMF-SOEP Flüchtlingssurvey, Kriminalitätsstatistiken) und den weiteren Forschungsbedarf zusammengestellt. Dieses Projekt untersucht, welche quantitativen Methoden in der Erforschung der Gruppe irregulärer Migrant*innen in Deutschland zur Anwendung kommen könnten, um diese dann zu testen und anschließend deren Lebenslagen quantitativ zu erforschen.


Methodik

 

Teil 1: Mithilfe bestehender Datenquellen ist es grundsätzlich möglich, Schätzungen zur Gruppe der irregulär aufhältigen Ausländer*innen zu erarbeiten. In Zusammenarbeit mit Georges Lemaitre (ehemals OECD) wird die Anwendbarkeit einer bereits für andere Staaten genutzten Schätzmethode für Deutschland untersucht. Grundlage dieses Algorithmus, der in die Klasse der residual methods fällt, ist die Nutzung von Administrativdaten zu Einwanderungskohorten einerseits und Befragungsdaten andererseits. Anzunehmen ist, dass auch irregulär aufhältige Personen nach einer ersten Phase der Orientierung bei Bevölkerungsumfragen teilnehmen. Über die Differenz zwischen Administrativdaten (Einwanderungskohorten laut AZR bzw. Wanderungsstatistik) und Befragungsdaten (Mikrozensus) sollte sich ein positives Residuum ergeben, das als konservativer Punktschätzer dient.

Teil 2: Surveys haben wichtige Beiträge zur Analyse irregulärer Migration geleistet. 2016 wurden in den Annals of the American Academy of Political and Social Science entsprechende Arbeiten aus unterschiedlichen Teilen der Welt (vorwiegend Nord- und Südamerika sowie Europa) veröffentlicht. Dabei kam vor allem der sogenannte Ethnosurvey zum Einsatz, eine Kombination aus qualitativer und quantitativer Befragung. Insbesondere der vertrauliche Interviewkontext macht ihn für Informationen über irreguläre Aufenthalte geeignet. Er setzt bislang aber vorwiegend in den Herkunftsländern an. Im Projekt soll unter anderem untersucht werden, ob der Ethnosurvey in der Lage ist, irreguläre Migrationen und die Lebenssituation von Familien mit irregulärem Status zu erfassen. Darüber hinaus prüfen wir die Methode des Respondent Driven Samplings, einem auf der Basis von Zusatzinformationen gewichteten „Schneeballverfahren“, in dem über persönliche oder soziale Netzwerke der Befragten weitere Teilnehmende rekrutiert werden.

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Aktueller Stand 

 

Zum Teil 1, Schätzung der quantitativen Dimension des Phänomens, haben wir zwei internationale Expert*innenworkshops mit Wissenschaftler*innen aus den USA abgehalten, um verschiedene Methoden zu evaluieren, die dort zur Anwendung kommen. Im Anschluss haben wir einen dritten Workshop durchgeführt und eine vom OECD-Demographen Lemaitre entwickelte innovative Methode, die auch bereits auf EU-Mitgliedsstaaten angewendet wurde, einem rigorosen Peer Review Prozess unterzogen. Nachdem sie für vielversprechend befunden wurde, haben wir sie dementsprechend weiterentwickelt und der deutschen Rechts- und Datenlage angepasst. Dazu haben wir zunächst die Datenlage festgestellt und einer kritischen Analyse unterzogen. Dies wird in einer Research Note Ende des Jahres vorgestellt.

Zum Teil 2, Surveyansätze, haben wir bislang einen Handapparat erstellt. Darüber hinaus haben wir mit diversen Akteur*innen den Forschungsbedarf eruiert sowie den sensiblen Charakter eines solchen Vorhabens diskutiert. Schließlich haben wir mit der Stadt Frankfurt bereits eine Kooperation vereinbart, um dort die Pilotstudie durchzuführen.

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Weitere Arbeitsschritte

 

Zum Teil 1 werden wir eine neue Methode auf Deutschland anwenden und damit die Gruppe der irregulären Migrant*innen schätzen. Wir werden das Ergebnis in einem weiteren Workshop überprüfen lassen und je nach Ausgang der Evaluation veröffentlichen.

Zum Teil 2 verfassen wir einen ausführlichen Überblick über survey-gestützte internationale Studien zur irregulären Migration sowie eine Evaluation des Einsatzes von Ethnosurveys sowie Respondent Driven Sampling-Methoden. In einem dritten Schritt werden wir erst die Erhebungsinstrumente entwickeln und dann eine der möglichen Methoden zur Erforschung der Lebenslagen von irregulären Migrant*innen regional testen.

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Projekt – Veröffentlichungen

 

 

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Abteilung Migration