Jenseits der Onomastik


 

Projekt: Jenseits der Onomastik - Neue Verfahren zur Erreichung von kleinen, schwer erreichbaren und/oder versteckten Gruppen

Laufzeit: 01.01.2021 – 31.12.2022 

Projektleitung: PD Dr. Sabrina J. Mayer

Projektmitarbeiter*innen: Dr. Laura Scholaske Dr. Mariel McKone Leonard


 

Inhalt

Die Forschung mit spezifischen Gruppen, die in der Bevölkerung zahlenmäßig nur in geringem Maße vertreten sind, stellt eine der zentralen Herausforderung in der Integrations- und Migrationsforschung dar. 

In diesem Forschungsprojekt konzentrieren wir uns auf die Aspekte des Samplings und Zugangs zu Gruppen bzw. ihrer Erreichbarkeit. Mittlerweile ist ein mehrstufiger Erhebungsprozess mit Einsatz von Vorklassifikationsverfahren auf Basis von Personennamen gängiger Standard in der Integrations- und Migrationsforschung. Dieses Verfahren lässt sich jedoch nicht auf alle Gruppen gleich gut anwenden. Daher werden in diesem Projekt die Eignung weiterer Verfahren erprobt und die daraus resultierenden Verzerrungen für verschiedene Gruppen wie Personen aus Portugal und zum Islam konvertierte Deutsche ohne Migrationshintergrund diskutiert und eingeordnet. 

Forschungsfragen

Verschiedene Samplingverfahren und die daraus resultierenden Möglichkeiten des Feldzugangs sind von großer Bedeutung für den Erhebungsprozess am DeZIM. Dabei ist es aus Gründen der Machbarkeit nicht immer möglich eine persönliche Befragung auf Basis von Einwohnermeldeamtsadressen mit Vorklassifikation durchzuführen, da zum einen erhebliche finanzielle Mittel notwendig sind, aber auch bestimmte Gruppen sich mit den gängigen onomastischen („namenskundlichen“) Verfahren nur (noch) schlecht erfassen lassen. Daher stehen im Fokus dieses Projekts die Fragen, welche Möglichkeiten es jenseits onomastischer Verfahren gibt, kleine, schwer erreichbare und/oder versteckte Gruppen zu erreichen und in welchem Ausmaß diese Verfahren verzerrt sind, wenn sie mit dem Mikrozensus abgeglichen werden. Dabei werden zwei Gruppen ausgewählt, eine die vom Mikrozensus erfasst wird und einen Abgleich der Verzerrungen ermöglicht (Personen aus Portugal), sowie eine Gruppe, für die dies nicht der Fall ist und für die erstmalig Informationen erhoben werden (zum Islam konvertierte Deutsche). Für die Gruppe der Personen aus Portugal werden zudem Ergebnisse aus der Anfang 2021 stattfindenden Auftaktwelle für das Online-Access-Panel herangezogen, um die Verzerrungen der Verfahren beurteilen zu können. 

Forschungsstand (und bisherige Vorarbeit) 

Der Forschungsstand zu onomastischen Verfahren ist für die regulären Gruppen gut aufgearbeitet (siehe beispielsweise Schnell et al., 2013) und dessen Nützlichkeit variiert stark je nachdem, wie hoch der Anteil an intraethnischen Heiraten mit starker ethnischer Namenstradition bei der Benennung der Nachkommen ist. Bestimmte Gruppen, wie Personen jüdischen Glaubens aus verschiedenen Herkunftsländern und die Nachkommen von Spätaussiedler*innen, können kaum noch erfasst werden, während bei den Nachkommen türkischer Einwanderer*innen die Trefferquote noch sehr hoch ist (Liebau et al., 2018). Eigene Vorarbeiten umfassen den Einsatz onomastischer Verfahren in mehreren Studien (Goerres et al., 2018; Mayer, 2016). 

Es stellt sich zudem die Frage, welche anderen Arten von Samplingverfahren eingesetzt werden können. Vielversprechend erscheint beispielsweise das Verfahren des Respondent Driven Sampling (RDS), das on- und offline durchgeführt werden kann (Heckathorn 1997, 2007). Dieses Verfahren stellt eine Weiterentwicklung des Schneeballverfahrens dar und eignet sich vor allem für Fälle in Fällen, wenn die Gruppe untereinander eng verbunden sind (z.B. Hipp et al., 2019). 

In letzter Zeit wurde zudem mehrfach das Potential von Werbung in sozialen Medien untersucht, um unterschiedliche Gruppen zu erreichen. Durch den hohen Nutzungsgrad in vielen Altersgruppen in unterschiedlichen sozialen Medien (Instagram, Snapchat, Facebook) und der Möglichkeit einer zielgruppenspezifischen Ansprache auf Basis der Nutzung bestimmter Inhalte (bspw. die in einer bestimmten Sprache sind, in Kombination mit einer IP-Adresse aus Deutschland) können so viele Personen erreicht werden (Ford et al., 2019; Sapp et al., 2019), die anschließend mit bekannten Verteilungen aus dem Mikrozensus abgeglichen werden. Weitere Möglichkeiten stellen die Verwendung von „Ethno-Mobilnummern“, von bestimmten Mobilfunkanbietern, die hauptsächlich von Menschen aus bestimmten Herkunftsländern verwendet werden, dar. 


Methodik

In der Gruppe der zum Islam konvertierten Personen ohne Migrationshintergrund wird das Verfahren des (Web)RDS eingesetzt. Als Ausgangspunkte werden Personen aus türkischen Gemeinden in verschiedenen Städten (Frankfurt, Hamburg, Berlin) sowie verschiedene Bildungsträger im Bereich der Arbeit gegen anti-islamischen Rassismus eingesetzt. Auf Basis von Vorstudien sowie den aktuellen Entwicklungen wird bis dahin eine Entscheidung getroffen, ob das Verfahren webbasiert, offline oder in beiden Varianten eingesetzt wird. 

Für beide Gruppen werden Werbeanzeigen auf Instagram und Facebook geschaltet, die sich direkt über eine (zweisprachige) Anzeige an die Ziel-Personen richten (ohne diese auf Basis der Standardkategorien von Facebook bereits zu selektieren, da diese bereits inhärent verzerrt sind). Die soziodemographischen Angaben der Teilnehmenden der Gruppe der Personen aus Portugal werden anschließend mit den bekannten Werten aus dem Mikrozensus kontrastiert, um das Ausmaß der entstehenden Verzerrung durch dieses Vorgehen erstmalig abschätzen zu können. 

Die so erreichten Personen werden – nach Abfrage ihrer Wiederbefragungsbereitschaft – in die Panelstruktur des DeZIM.fdz überführt und stehen so zur Befragung durch weitere Projekten zur Verfügung. 

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Forschungsplanung

 

Meilensteine/ Outputs: 

Meilenstein 1 

 04/2021 

Social Media Ads zur Erreichung von Zielgruppe 1 (zum Islam konvertierte Deutsche) und 2 (Personen aus Portugal) 

Meilenstein 2 

 09/2021 

Einreichung Publikation: Wie können Social Media Ads genutzt werden, um kleine Populationen zu erreichen? (IJPOR) 

Meilenstein 3 

 12/2021-   02/2022 

Durchführung (Web)RDS zur Erreichung von Zielgruppe 1 

Meilenstein 4 

 07/2022 

Einreichung Publikation: Der Einsatz von WebRDS zur Erreichung kleiner und versteckter Populationen (SRM) 

Meilenstein 5 

 10/2022 

Durchführung einer Tagung am DeZIM mit Forschenden aus Europa zum Thema, für Vernetzung und Sichtbarkeit 

 

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Anbindung an Clusterschwerpunkt 

 

Dieses Projekt gehört zum Cluster-Schwerpunkt kleine Gruppen und liefert wichtige Erkenntnisse über Verfahren, die von anderen Projekten am DeZIM genutzt werden können. 

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Projektpartner*innen

 

Wir kooperieren mit einer Vielzahl von Kooperationspartner*innen. International/national wird gemeinsam mit Christoph Nguyen im Themenfeld antiasiatischer Rassismus ähnliche Verfahren für die Gruppe asiatisch-stämmiger Menschen in Deutschland überprüft. 

Mit Akteuren der Forschungsgemeinschaft ist ein gemeinsames Drittmittelprojekt mit Forschenden des InZentIM (Achim Goerres, Jonas Elis) geplant, bei dem Spätaussiedler*innen und ihre Nachkommen befragt werden. 

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Literatur

 

Ford, K. L., Albritton, T., Dunn, T. A., Crawford, K., Neuwirth, J., & Bull, S. (2019). Youth study recruitment using paid advertising on Instagram, Snapchat, and Facebook: Cross-sectional survey study. JMIR Public Health and Surveillance, 5(4), e14080. doi:10.2196/14080 

Goerres, A., Spies, D. C., & Mayer, S. J. (2018). Deutsche mit Migrationshintergrund bei der Bundestagswahl 2017: Erste Auswertungen der Immigrant German Election Study zu Deutschtürken und Russlanddeutschen (Workingpaper 1). doi:10.13140/RG.2.2.26582.55364 

Heckathorn, D. D. (1997). Respondent-driven sampling: A new approach to the study of hidden populations. Social Problems, 44(2), 174–199. doi:10.2307/3096941 

Heckathorn, D. D. (2007). 6. Extensions of respondent-driven sampling: Analyzing continuous variables and controlling for differential recruitment. Sociological Methodology, 37(1), 151– 208. doi:10.1111/j.1467-9531.2007.00188.x 

Hipp L., Kohler U., & Leumann, S. (2019). How to implement respondent-driven sampling in practice: Insights from surveying 24-hour migrant home care workers. Survey Methods: Insights from the Field. Retrieved from surveyinsights.org;

Liebau, E., Humpert, A., & Schneiderheinze, K. (July 2018). Wie gut funktioniert das Onomastik- Verfahren? Ein Test am Beispiel des SOEP-Datensatzes (SOEPpapers on Multidisciplinary Panel Data Research No. 976). Retrieved from www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.595744.de/diw_sp0976.pdf 

Mayer, S. J. (2016): Gender-based differences in German-language publications. In: Ràfols, I., Molas-Gallart, J., Castro-Martínez, E., & Woolley, R. (Eds.), Peripheries, frontiers and beyond. Proceedings of the 21st international conference on science and technology indicators (pp. 1458-1462). Retrieved from ocs.editorial.upv.es/index.php/STI2016/STI2016/paper/viewFile/4543/2327 

Mediendienst Integration (2020). Judentum. Retrieved from mediendienst-integration.de/gruppen/judentum.html 

Sapp, J. L. C., Vogel, R. L., Telfair, J., & Reagan, J. K. (2019). Evaluating web-based platforms and traditional methods for recruiting tattoo artists: Descriptive survey research study. JMIR Dermatology, 2(1), e14151. doi:10.2196/14151 

Schnell, R., Gramlich, T., Bachteler, T., Reiher, J., Trappmann, M., Smid, M., & Becher, I. (2013). A new name-based sampling method for migrants. methods, data, analyses, 7(1), 1-29. doi:10.12758/mda.2013.001 

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