Veranstaltung DeZIM-AL-Forum | Konkurrenz um Anerkennung


Podiumsdiskussion zur Vorstellung der ersten Studienergebnisse der Ostmigratischen Analogien im Allianzforum Berlin
Podiumsdiskussion zur Vorstellung der ersten Studienergebnisse der Ost-Migratischen Analogien im Allianzforum Berlin

Welche Erfahrungen teilen Migrant*innen und Ostdeutsche, wo gibt es zentrale Unterschiede? Was bringt es überhaupt, die Stereotype, Ausgrenzungen und Abwertungen verschiedener Gruppen miteinander zu vergleichen und in Zusammenhang zu setzen? Diesen Fragen widmete sich das erste DeZIM-AL-Forum, eine Kooperation des DeZIM-Instituts und der Allianz Kulturstiftung.

Esra Küçük, Geschäftsführerin der Allianz Kulturstiftung, bot bereits ganz zu Beginn der Veranstaltung eine mögliche Antwort: Die Studie des DeZIMs stoße unweigerlich einen Paradigmenwechsel des Integrationsbegriffes an. „Nämlich Integration nicht mehr als Konzept der teilhabeorientierten Gesellschaftspolitik nur im Hinblick auf eine – nämlich die migrantische Gruppe - zu verstehen, sondern alle Teile einer Gesellschaft in den Blick zu nehmen.“

Thomas Heppener vom BMFSFJ führt den Gedanken weiter: „Bei Integration geht es nicht um migrantisch oder nicht-migrantisch. Es geht um die Frage: Wie schaffen wir hier in Deutschland, in Berlin und überall eine Gesellschaft, in der Menschen ohne Angst verschieden sein können, in der sie gleichberechtigt respektiert werden und wo Teilhabe wirklich gelebt wird.“

Wieso Migrationsforscher*innen sich plötzlich für Ostdeutschland interessieren, erklärte Frank Kalter, Co-Direktor des DeZIM-Instituts, der die Studie „Ostmigrantische Analogien I. Konkurrenz um Anerkennung“ dem Publikum vorstellte: „Wir haben zentrale Konzepte, theoretische Ansätze, empirische Instrumente, mit denen wir vielleicht auch Impulse für das Verständnis dafür geben können, was in Ostdeutschland passiert. Und der Blick auf Ostdeutschland gibt uns wiederum wichtige Hinweise, wie allgemein oder spezifisch unsere Annahmen sind.“

Auf dem anschließenden Podium wurde unter der Moderation von Peggy Piesche vom Gunda-Werner-Institut besonders lebhaft darüber diskutiert, ob Kategorien wie Ostdeutsche und Muslim*innen hilfreich für den gesellschaftlichen Diskurs sind. Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, übte Kritik an ebendiesem Fokus auf Kategorien. „Ich kann mich in dieser Reihe nicht identifizieren mit den Ostdeutschen.“ Der Riss ginge nicht zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen, es ging nicht darum, wo man sozialisiert wurde, sondern wie man sozialisiert wurde. Ähnlich sah es Cem Özdemir, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen. Mit Blick auf Islamist*innen und Rechtsradikale fragte er: „Lassen wir uns nicht auf den Essentialismus ein, wenn wir Menschen zu Kategorien machen, die doch die anderen gerade versuchen zu erstellen?“ Schriftsteller Ingo Schulze verteidigte den Vergleich zwischen den beiden Gruppen: „Es ist subversiv, weil man den Vergleich vom Nationalen löst“.

Naika Foroutan, Co-Direktorin des DeZIM-Instituts, wies auf die politische Sprengkraft von Kategorien hin. Die Frage, wer ostdeutsch ist und wer nicht, sei gerade wieder brisant. „In der kritischen Migrationsforschung weisen wir seit Jahren darauf hin, dass die Kategorien Migrant, Migrationshintergrund, Muslim, konstruiert sind, mit einer hohen Wirkungskraft.“ Anhand des Beispiels „Osthintergrund“ eröffne sich plötzlich ein Feld, auf dem man diese Fragen neu diskutieren könne – allein weil sie so stark infrage gestellt wird, während die Kategorie Migrationshintergrund gesellschaftlich so selbstverständlich hingenommen wird. Ferda Ataman, Sprecherin der Neuen Deutschen Organisationen, ordnete die diskutierten Fragen konkret ein: „Es geht um Einstellungen über Ostdeutsche und über Muslime, und dafür muss man kein Ostdeutscher oder Muslim sein. Ich werde auch als Muslimin bezeichnet, aber niemand fragt mich. Ich bin nie migriert aber immer die Migrantin. Ich erwarte von der Studie nicht, dass sie das auseinanderpflückt“. Entscheidend sei etwas anderes: „Diese Studie zeigt, dass von beiden, einem weißen Ostdeutschen und einer Frau mit Kopftuch, erwartet wird, dass sie sich vom Extremismus distanzieren. Das ist schräg. Und sehr interessant.“ Und das ermöglicht es, die Perspektive zu wenden und nicht immer nur auf die Gruppen zu schauen, die stereotypisiert werden und in ihnen den Grund für die Vorurteile zu suchen, sondern die Frage aufzuwerfen, wie und warum Stereotype so gänzlich unterschiedliche Gruppen betreffen können. Wenn die Gruppen also austauschbar sind, dann sagt dies möglicherweise mehr über diejenigen aus, die die Stereotype äußern, als über die stereotypisierten Gruppen selbst? Dies und vieles weitere sind Anstöße, die die Studie zu einem neuen Nachdenken über soziale Konstellationen und Vorurteile anbieten wollte und die auf dem Podium kritisch und kontrovers – aber auch konstruktiv und nach vorne blickend diskutiert wurden.

 

 


 

Audiomitschnitt der Veranstaltung


 

 

Esra Küçük, Geschäftsführerin der Allianz KulturstiftungThomas Heppener vom BMFSFJProf. Dr. Frank Kalter vom DeZIM-InstitutPeggy Piesche vom Gunda-Werner-InstitutPeggy Piesche vom Gunda-Werner-InstitutCem Özdemir, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die GrünenAnetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio StiftungSchriftsteller Ingo SchulzeProf. Dr. Naika Foroutan vom DeZIM-InstitutFerda Ataman, Sprecherin der Neuen Deutschen Organisationen